Night Line im TPZ

JUNGE KÜNSTLER PRÄSENTIEREN JUNGE KUNST

Programm ] Texte ] Rückschau ]

Raimund Liebert

Floridsdorf, den 31.September ] [ Das fehlende Glied ] Liebesbrief ]

Das fehlende Glied (Ausschnitte)

Ich bin das Leben. Ich bin das italische Erdbeben in glatten Wogen. Das Fleisch in mir blutet als zwei erschossene Pferde, wenn ihm einmal danach sein sollte.
Ich versichere allen Ignoranten, dass ich mich damit bereits mehr als hinreichend beschrieben habe, und Zweifel daran einer Anmaßung gleich kämen.
Zugegebenermaßen schwieriger gestaltet es sich für mich, mit wenigen Worten etwas über meine Herrin zu sagen. Dies ist zu einem guten Teil dem Umstand zuzuschreiben, dass mich der Büstenhalter hemmte, einen klaren Blick auf meine Umwelt zu gewinnen. Der nackte Kopf meiner Herrin ragte im Regelfall aus anderen Dingen hervor.
Ihre weißen Beine waren, mir nicht unähnlich, eingeschnürt, und selbst ihre Schamhaare waren nur für das geübte Auge von außen zu erblicken. Die Augen meiner Herrin waren im Übrigen vorhanden, auch wenn ihre Erwähnung durch die Hervorhebung des Kopfes nicht notwendig zu sein scheint.
Dennoch meine ich, dass der Hinweis auf Augen als Spezifizierung nicht gänzlich planlos ist. Schließlich müsste ich mir den Vorwurf der Kleinbürgerlichkeit im Sinne Roland Barthes’ gefallen lassen, würde ich davon ausgehen, dass einem Kopf per se Augen innewohnen. Der denunzierende Kryptojesuit Barthes mag zwar tot sein, aber seine Lügen, die mich als kleinbürgerlich aburteilen könnten, leben in dunklen Stuben weiter.
Es ist keineswegs so, dass jede Lüge mein Missfallen erregen würde, denn letztendlich bleibt die Lüge der einzig wirksame Impfstoff gegen das Paradoxe. Auch Barthes’ Tod mache ich ihm nicht zum Vorwurf, da der Tod, und unwesentlich ob der von Barthes oder einem Höheren, da wir von ihm nur durch das Schicksal von Anderen wissen, das Menschlichste überhaupt ist.
Meine Herrin arbeitete in einer Werbeagentur.

[...]

Meine Herrin sperrte den Haken der schweren Kette in die Öse. Sie schloss den Welt-Raum unter der Klinke ab und drehte den Schlüssel, bis ihre Finger nicht mehr konnten. Mit dem kleineren Schlüssel verschloss sie leicht das zweite Schloss. Das goldene Plättchen des Spähers verdeckte den kleinen gläsernen Kreis dahinter. Am Stuhl im Bad waren das Hemd und alles Andere gerade eben, noch, als würden sie nur tief ausatmen, in sich zusammengesunken. Das Wasser rauschte als dicker Strahl. Der Einbruch war nach Hause gekommen, tief in den Welt-Raum, als meine Herrin die Prothese abschälte. Das Ensemble zweier unmenschlicher Brüste, diese tote, wehleidige Monströsität und mein Intimfeind in den brutaleren Nächten, wollte gewaschen werden von den Händen meiner Frau, losgelöst und entfernt von ihrem flachen Brustkorb, den Blick frei gebend auf das Nichts, auf zwei Brustwarzen, die eingetrocknet auf den Rippen klebten, zum Einsturz gebracht. Der Welt-Raum möge über uns zusammenstürzen, die Decke in geometrischen Figuren herab und über uns kommend. Wir wollen von der Architektur umgeben sein, im Totenschlaf der Fühllosigkeit, gebettet. Unsere Körper berührt, gedrückt zur Erdrückung von schwerer Masse, gekalkt und barmherzig, das Unmenschliche als unsere Rettung in einer abgewichenen Welt. Ich kenne die künftigen Anwürfe, die meine Herrin als Folge meiner Offenheit belasten werden, aber ich schäme mich nicht.

(c) 2006, Raimund Liebert

Karten: +43 1 486 96 46 - Abendkassa: 0699 100 53841 -

 

Verein ICHDUWIR © 2006  - Tel.: +43 1 486 96 46 - mobil: +0699 100 53841 - Stand: 25.03.06